
In meinen Workshops stelle ich gern diese Frage: „Welchen Hobbys wollt ihr im Ruhestand nachgehen, neu entdecken oder wiederbeleben?“ Dann wird erst einmal überlegt. Viele machen das zum ersten Mal so intensiv. Andere wissen sofort ganz genau, was sie wollen. Dann füllen sich nach und nach die Pinnwände: oft mit Klassikern wie Radwandern, Fitness, Nähen oder Stricken, Malen, Musizieren, Handwerkern oder Wandern. Vieles ähnelt sich – aber zwischen all den Zetteln tauchen auch erstaunlich ausgefallene Ideen auf. Und genau das ist das Schöne: Durch die Vielfalt der anderen kommen viele erst auf Dinge, an die sie selbst nie gedacht hätten.
Aber nicht bei allen läuft es so. Manche sitzen auch nach einer Weile noch da und sagen ehrlich: „Mir fällt einfach nichts ein.“ Und wieder andere bringen ein ganz eigenes Päckchen mit – sie wissen schlicht nicht, was sie tun sollen, weil sie ihr Leben lang nie die Zeit für Hobbys hatten. Erst kam der Beruf, dann die Familie, dann beides gleichzeitig. Für sie ist die freie Zeit wunderbar und ein bisschen einschüchternd zugleich.
Bei vielen schwingt bei der einfachen Frage nach dem Hobby noch etwas anderes mit – ein leiser Druck. Da war ein ganzes Berufsleben lang vieles geregelt und getaktet. Und nun, wenn es in Richtung Ruhestand geht, hört man immer wieder von den Plänen anderer, man hört von Rentnern, die nie Zeit haben oder man hört immer öfter das Wort Unruhestand. Soll nun ausgerechnet die Phase der freien Zeit zur nächsten Aufgabe werden? Als gäbe es eine unsichtbare Liste, die man nun abarbeiten muss. Sonst macht man den Ruhestand irgendwie falsch. Diesen Druck wollen wir getrost beiseitelegen.
Erinnerst du dich an „Zurück in die Zukunft“? Marty McFly steigt in einen umgebauten DeLorean und reist nicht etwa nach vorn, sondern erst einmal zurück – um zu verstehen, wie es weitergeht. Genau das machen wir in diesem Artikel auch. Wir reisen ein Stück zurück, auch in deine eigene Kindheit, um herauszufinden, welche neuen Hobbys jetzt zu dir passen. Klingt paradox? Ist es nicht. Du wirst sehen.
Lass uns dafür vier Dinge klären: Was ein Hobby überhaupt ist. Warum es dir guttut, eines zu haben – oder mehrere. Welche Arten es gibt. Und vor allem: wie du deinen eigenen Weg dorthin findest. Ohne Druck. Aber mit einer klaren Richtung.
Wir benutzen das Wort ständig, aber wenn man genau nachfragt, wird es erstaunlich schwammig. Fangen wir also mit einer brauchbaren Definition an. Die hört sich zunächst noch etwas nach Wörterbuch an, aber es ist ja nur der erste Versuch:
Ein Hobby ist eine freiwillige, wiederkehrende und persönlich bedeutsame Freizeitbeschäftigung, die man um ihrer selbst willen ausübt. Es geht nicht um Geld, Status oder einen weiteren Punkt auf der To-do-Liste.
Drei Wörter in diesem Satz tragen das Ganze:
Oft kommt noch etwas hinzu – eine kleine Lernkurve, ein Ausdruck, eine Zugehörigkeit, ein wachsendes Können.
Genauso aufschlussreich ist, was ein Hobby nicht ist. Stundenlang durchs Internet scrollen, planlos fernsehen, aus Langeweile shoppen – das ist Konsum oder Zeitvertreib, aber noch kein Hobby. Einkaufen, Arzttermine, Haushalt, die Pflege von Angehörigen – das ist wichtig und bindet Zeit, aber es ist nichts, was du dir aus freien Stücken aussuchst, weil es dir guttut. Und sobald etwas vor allem über Einnahmen, Sichtbarkeit oder Leistungsdruck läuft, kippt es langsam vom Hobby in Richtung Nebenjob.
Hier hilft eine kleine Hierarchie: Freizeit ist der große Oberbegriff – alles, was kein Pflichtprogramm ist. Ein Hobby ist eine besondere Unterart davon. Anders gesagt: Jedes Hobby ist Freizeit, aber nicht jede Freizeit ist ein Hobby.
In einer Podcast-Folge, die ich kürzlich gehört habe, fiel dazu ein wunderbar trockener Satz: „Freunde oder Freundinnen zu treffen sei bitte kein Hobby“. Erst klingt das streng. Dann leuchtet es ein. Freunde oder Freundinnen zu treffen ist schön und wichtig für unsere soziales Leben und unsere mentale Gesundheit. Sobald daraus aber etwas mit Form wird – ein Chor, eine Spielerunde, ein Fotospaziergang, ein Literaturkreis, ein Repair-Café – dann wird ein Hobby daraus. Vorher ist es einfach gelebtes, gutes soziales Leben.
Woran erkennst du den Unterschied im Alltag? An ein paar einfachen Fragen: Kehrt es regelmäßig wieder oder passiert es eher zufällig? Würdest du sagen „das bin auch ich“ oder nur „das mache ich manchmal“? Wächst dabei etwas – Können, Wissen, Stil? Und wie fühlst du dich danach – wacher und zufrieden, oder eher zerstreut? Je öfter du bei der ersten Antwort landest, desto eher ist es ein echtes Hobby. Es ist keine Prüfung mit Bestehensgrenze – eher ein Spiegel.
Jetzt könnte man sagen: nette Plauderei, aber muss das sein? Die Antwort der Forschung ist ungewöhnlich deutlich – und sie nimmt der Sache gleichzeitig den Druck.
Eine große internationale Studie, 2023 in Nature Medicine veröffentlicht, hat über 90.000 Menschen ab 65 Jahren in 16 Ländern untersucht. Das Ergebnis: Wer einem Hobby nachgeht, berichtet von weniger depressiven Symptomen, besserer Gesundheit, mehr Glück und höherer Lebenszufriedenheit. Und das erstaunlich stabil quer über alle 16 Länder hinweg – vom hohen Norden bis in den Süden.
Eine zweite Langzeitanalyse mit über 19.000 Menschen ab 50 zeigte etwas Wichtiges obendrauf: Nicht jede Beschäftigung wirkt gleich. Besonders tragfähig sind aktive, gestaltende, projekt- oder gruppennahe Hobbys – nicht das reine Konsumieren. Ein selbst gebackenes Brot, eine Vereinsrunde, ein eigenes kleines Projekt tun mehr für die Seele als der dritte Krimi-Marathon auf der Couch.
Woran liegt das? Ein gutes Hobby wirkt nämlich nicht „weil es Spaß macht“, sondern über ein ganzes Bündel: Es gibt deinem Tag Struktur und einen Grund, aufzustehen. Es bringt dich in Bewegung oder beruhigt dich. Es schenkt dir das Gefühl, etwas zu können. Es verbindet dich oft mit anderen. Und es gibt dir Sinn – das gute Gefühl, dass das, was du tust, zu dir gehört. Forscher haben für Freizeitaktivitäten weit über 600 solcher Auswirkungen beschrieben. Kurz gesagt:
Ein Hobby im Ruhestand ist kein Wellness-Extra. Es ist ein ernstzunehmender Baustein für deine seelische und körperliche Gesundheit.
Aber keine Sorge: Es geht dabei nicht um Höchstleistung, sondern um Passung. Du musst nicht gut sein. Du darfst krakelig zeichnen, schief singen, beim Boule danebenwerfen. Der Gewinn entsteht im Tun, nicht im Ergebnis.
1. Es darf vollkommen zwecklos sein
Es gibt sogar ein Fachwort dafür, wenn etwas ganz ohne Zweck geschieht – eines, das im Alltag kein Mensch braucht: „atelisch“. Eine atelische Tätigkeit hat kein Ziel hinter sich – der einzige Grund, sie zu tun, liegt im Tun selbst. Ein Spaziergang, der nirgendwohin führt. Eine Melodie, die niemand hören muss. Eine Modelleisenbahn, die schon längst fährt und trotzdem weitergebaut wird.
Für frisch gebackene Ruheständler ist das fast eine kleine Therapie. Wer vierzig Jahre lang gelernt hat, dass alles einen Nutzen, ein Ergebnis, eine Rechtfertigung braucht, erlebt Zweckfreiheit anfangs beinahe als verdächtig: „Was bringt das denn?“ Nichts. Und genau das ist der Punkt. Viele frisch Verrentete leiden nicht an Zeitmangel, sondern eher daran, dass plötzlich der Zweck fehlt. Ein Hobby muss das nicht dadurch ausgleichen, dass am Ende wieder etwas Vorzeigbares herauskommt. Oft reicht es, die fast verlernte Fähigkeit wiederzuentdecken, etwas einfach so zu tun.
2. Du musst nicht spitze in deinem Hobby und darfst gerne ein bisschen peinlich sein
Niemand muss sein neues Hobby beherrschen. Im Gegenteil: Sobald ein Hobby zur Optimierungsstrecke wird – immer besser, immer sichtbarer, immer messbarer – verliert es genau das, was es nährend gemacht hat. Erlaube dir, drei Monate lang schlecht, ungeschickt und vollkommen uncool zu sein.
Und trau dich ruhig an das vermeintlich Peinliche. Gerade im Ruhestand entsteht oft die Falle, nur noch Hobbys wählen zu wollen, die seriös, nützlich und vorzeigbar klingen. Dann sucht man aber keine Lebendigkeit mehr, sondern ein vorzeigbares Rentner-Ich. Die ehrliche Prüffrage lautet deshalb: Würde ich das auch tun, wenn es niemand mitbekommt? Mach es für dich – nicht, um andere zu überzeugen.
3. Finden geht über Ausprobieren, nicht über Grübeln
Vielleicht hat man bereits ein Hobby, das man im Ruhestand endlich ausleben kann. Endlich Zeit dafür zu finden, was man schon lange machen wollte. Hat man dieses Glück dagegen nicht, dann findet man das passende Hobby eher selten durch Nachdenken am Küchentisch. Man findet es durch kleine Experimente. Entweder es passt, oder es passt nicht. Und man findet es dadurch, dass man lange genug dranbleibt. Denn viele brechen ein eigentlich passendes Hobby genau in der Phase ab, in der es noch holprig und unspektakulär ist. Dabei entsteht das Gefühl „das gehört zu mir“ meistens nach der Wiederholung, nicht davor. Bleib also ruhig ein Weilchen sitzen, bevor du wieder aussteigst.
Damit das Ganze nicht zu abstrakt bleibt: In meinen Workshops sortieren wir Hobbys gern nach der Art des Erlebens – danach, was sie dir geben. Fünf Spielarten haben sich dabei bewährt:
Sportlich – Bewegung, Vitalität, das gute Gefühl im Körper. Wandern, Radfahren, Schwimmen, Tanzen, Yoga, Tischtennis. Spazierengehen ist übrigens das ideale Einstiegs-Hobby: niedrigschwellig, kostenlos, sofort startklar.
Kreativ – Ausdruck, Gestalten, der eigene Stil. Malen, Fotografieren, Töpfern, Stricken, Schreiben, Musizieren, Backen mit Anspruch. Hier hinterlässt du eine Handschrift.
Sozial – Zugehörigkeit und gemeinsame Praxis. Chor, Theatergruppe, Spielerunde, Repair-Café, Ehrenamt mit Hobbykern. Der Unterschied zum bloßen Freundetreffen: Es gibt eine wiederkehrende Form.
Intellektuell – Neugier und geistige Anregung. Lesen, Sprachenlernen, Ahnenforschung, Astronomie, Schach, ein Literaturkreis, Geschichte. Futter für den Kopf.
Abenteuerlich – Neues erleben, raus aus der Routine. Reisen, Tagesausflüge, Mikroabenteuer in der Nähe, mit dem Wohnmobil los, unbekanntes Terrain betreten.
Und jetzt das Wichtigste an diesen fünf: Sie sind keine Schubladen. Ein einziges Hobby kann mehrere gleichzeitig bedienen. Wandern ist sportlich und abenteuerlich. Ein Gemeinschaftsgarten ist kreativ, sozial und draußen zugleich. Ein Chor ist kulturell, gesellig und ausdrucksstark. Genau deshalb sind Hobbys so wertvoll – ein gutes Hobby nährt oft mehrere Bedürfnisse auf einmal. Du musst dich also gar nicht für eine Schublade entscheiden.
Und keine Sorge, falls dir gleich mehrere Dinge einfallen: Es muss nicht das eine, große Hobby sein. Im Gegenteil – oft ist eine kleine Mischung am schönsten. Eines, das dich in Bewegung bringt. Eines fürs Gemüt oder den Kopf. Und vielleicht eines, das dich unter Menschen bringt. Drei kleine reichen völlig – sie müssen nur zu dir passen.
Jetzt wird es praktisch. Hier kommt der Trick aus der Kindheit ins Spiel – die Zeitreise, von der ich am Anfang sprach.
1. Schau zurück: die Kindheits- und Jugendspur
Nimm dir einen Moment und frag dich ganz in Ruhe: Womit konntest du dich als Kind stundenlang beschäftigen? Was wolltest du einmal werden? Was hast du irgendwann aufgegeben, obwohl du es eigentlich mochtest – ein Instrument, eine Sprache, ein Sport? Und wofür wurdest du früher gelobt oder sogar beneidet? Es lohnt sich auch, den Spieß einmal umzudrehen: Bei wem denkst du heute „das würde ich auch gern können“? Dieser kleine Neid ist nämlich ein erstaunlich ehrlicher Wegweiser – er zeigt dir einen Wunsch, der noch auf seine Gelegenheit wartet.
Es geht dabei nicht um Nostalgie und auch nicht darum, mit 66 noch Tierärztin zu werden. Es geht um das Motiv darunter: gestalten, sammeln, forschen, bewegen, helfen, tüfteln, wettstreiten. Dieses Motiv ist erstaunlich treu. Es ist über die Jahrzehnte nicht verschwunden – es wartet meist nur darauf, eine neue Form zu finden. Die Begeisterung des Kindes ist die Landkarte für die Hobbys des Ruheständlers.
2. Spür nach: dein Energie-Test
Ein zweiter Weg führt über deinen Körper und deine Energie. Achte zwei Wochen lang einmal darauf: Wovon wirst du wacher statt leerer? Wobei vergisst du die Zeit, ohne dich danach benutzt zu fühlen? Und horch ruhig auch in deinen Alltag hinein: Worüber liest oder redest du eigentlich ganz freiwillig? Welche Sendungen oder Videos schaust du dir immer wieder an, bei welchem Thema wirst du im Gespräch lebendig? Diese Momente sind keine Zufälle – sie sind Spuren, die längst da sind. Du musst sie nur bemerken.
3. Probier aus: das kleine Experiment
Und dann gilt: ausprobieren statt planen. Nicht sofort das große Projekt, nicht sofort die feste Verpflichtung. Sondern ein kleines Experiment von zwei Wochen. Geh hin, mach mit, probier es. Die Volkshochschule ist dafür übrigens ein kleiner Schatz: Dort kannst du zehn Dinge ausprobieren, ohne dich gleich für eines entscheiden zu müssen. Genauso gut funktioniert die Begleiter-Methode – frag jemanden, der ein schönes Hobby hat, ob du einmal ganz unverbindlich mitkommen darfst. Und manchmal liegt das Neue gar nicht so weit weg: Belebe ein altes Hobby für vier Wochen wieder, bevor du dich auf die Suche nach etwas völlig Unbekanntem machst. Und schau danach nicht, ob du gut warst, sondern wie es dir damit ging: Hattest du mehr Energie? Hast du die Zeit vergessen? Freust du dich aufs nächste Mal? Wenn ja – dranbleiben. Wenn nein – kein Drama. Dann war es nur das falsche Hobby, nicht der falsche Mensch. Probier das nächste.
Übrigens helfen dabei auch ganz handfeste Fragen, damit aus Begeisterung kein Frust wird: Will ich das allein, zu zweit oder in einer Gruppe tun? Brauche ich Bewegung oder eher Ruhe? Und welche Einstiegshürde ist real – Geld, Anfahrt, Technik, Kondition, ein fehlender Mitstreiter? Das ist kein Spielverderben, sondern sorgt dafür, dass das Hobby zu deinem echten Leben passt.
Allein oder zu zweit? Eine Frage für Paare
Wenn ihr als Paar in den Ruhestand geht, lohnt noch ein zweiter Blick. Schön ist es, ein paar Dinge gemeinsam zu entdecken – das verbindet und gibt der Woche zusammen einen Rhythmus. Genauso gesund ist es aber, wenn jeder auch sein eigenes Hobby hat, von dem der andere gar nicht so viel versteht. Das ist kein Zeichen von Auseinanderleben, sondern bringt frischen Gesprächsstoff mit nach Hause. Die gute Mischung aus „gemeinsam“ und „jeder für sich“ darfst du ganz in Ruhe für euch finden.
Und jetzt?
Du musst heute kein neues Hobby aus dem Boden stampfen. Es reicht ein erster, kleiner, neugieriger Schritt. Denk an Marty McFly: Erst der Blick zurück macht den Weg nach vorn frei. Schau also, womit du als Kind die Zeit vergessen hast – und übersetze das Motiv dahinter in eine Form, die heute zu dir passt.
Damit dir das leichter fällt, habe ich ein eigenes kleines Werkzeug entwickelt: den Hobbylotsen. Er sortiert nicht Hobbys nach Beliebtheit, sondern hilft dir herauszufinden, welche Art von Tun gerade zu dir passt – allein oder in Gesellschaft, aktivierend oder beruhigend, gestaltend, forschend, helfend oder tüftelnd.
Denn am Ende lautet die Frage eben nicht „Womit fülle ich bloß meine viele Zeit?“. Sondern: Welche Form von Tun nährt mich, passt zu meiner Energie – und erlaubt mir, meine Freiheit lebendig und stimmig zu bewohnen? Und diese Frage, die hast du dir mehr als verdient.