
Vor einiger Zeit bin ich über einen Begriff gestolpert, den ich bis dahin noch nie gehört hatte: Joyspan. Lifespan und Healthspan kannte ich aus dem bereich der Longevity Forschung. Aber Joyspan? Keine Ahnung. Und weil Neugier einer meiner wichtigsten Werte ist, hatte dieses eine Wort sofort meine Aufmerksamkeit.
Entdeckt habe ich Joyspan bei der Modern Elder Academy, kurz MEA, einer amerikanischen Institution, bei der ich immer mal wieder an Veranstaltungen und Weiterbildungen teilnehme. Dort wurde ein Online-Gespräch mit der Gerontologin Kerry Burnight angekündigt. Das Thema: Joyspan. Ich meldete mich an, hörte zu – und dachte ziemlich schnell: Das ist eigentlich eine wunderbare Frage für den Ruhestand.
Denn wir beschäftigen uns inzwischen intensiv damit, wie wir möglichst lange leben und möglichst lange gesund bleiben können. Wir bewegen uns, machen Krafttraining, achten auf unsere Ernährung, gehen zur Vorsorge, versuchen ausreichend zu schlafen und beschäftigen uns mit Longevity. Ich mache da übrigens gerne mit. Aber wenn wir 20 oder 30 Jahre Ruhestand vor uns haben, stellt sich neben der Frage, wie lange wir leben und wie gesund wir dabei bleiben, vielleicht noch eine dritte: Wie gelingt es uns, diese Jahre auch gerne zu leben?
Beginnen wir mit den beiden Begriffen, die inzwischen vielen vertraut sind. Lifespan bezeichnet vereinfacht gesagt unsere Lebensspanne: Wie lange lebe ich? Lange Zeit war genau das eine zentrale Frage der Altersforschung. Wie lässt sich Leben verlängern? Wie können wir Krankheiten verhindern oder zumindest hinauszögern?
Doch irgendwann wurde klar, dass die reine Zahl der Lebensjahre nur einen Teil der Geschichte erzählt. 95 Jahre alt zu werden klingt zunächst wunderbar. Aber vermutlich möchten die wenigsten von uns die letzten 20 Jahre davon mit erheblichen gesundheitlichen Einschränkungen verbringen. Deshalb ist neben die Lifespan die Healthspan getreten: Wie lange meines Lebens bleibe ich möglichst gesund, selbstständig und in der Lage, das Leben nach meinen Vorstellungen zu gestalten?
Das ist einer der Grundgedanken der heutigen Longevity-Diskussion. Es geht nicht nur darum, dem Leben mehr Jahre zu geben, sondern möglichst vielen dieser Jahre auch Gesundheit. Deshalb reden wir über Muskelkraft, Ernährung, Schlaf, Prävention und Bewegung. Und das ist alles richtig und wichtig.
Kerry Burnight fügt nun eine dritte Perspektive hinzu. Sie nennt sie Joyspan. Dahinter steckt vereinfacht gesagt die Frage: Wie lange gelingt es uns, unser Leben als lebenswert, verbunden, sinnvoll und immer wieder auch freudvoll zu erleben? Lifespan fragt also nach der Länge des Lebens, Healthspan nach den möglichst gesunden Jahren – und Joyspan nach der erlebten Qualität dieser Jahre.
Dabei ist eine Einschränkung wichtig: Joyspan ist kein etablierter wissenschaftlicher Messwert, den wir wie Blutdruck oder Lebensjahre bestimmen könnten. Es gibt keinen anerkannten Joyspan-Wert und keine wissenschaftliche Formel, nach der jemand eine Joyspan von 17,4 Jahren hätte. Die Endung „span“ ist ein starkes Bild, wissenschaftlich bislang aber eher Metapher als Kennzahl. Burnight hat vielmehr Erkenntnisse aus jahrzehntelanger Forschung über psychologisches Wohlbefinden und ein gutes langes Leben zu einem eigenen Praxis-Framework zusammengeführt.
Für mich schmälert das den Gedanken überhaupt nicht. Denn Joyspan lenkt die Aufmerksamkeit auf eine Frage, die bei aller Begeisterung für Longevity leicht zu kurz kommen kann: Was wollen wir eigentlich mit all den gewonnenen Jahren anfangen?
Vielleicht geht es dir wie mir: Wenn du das englische Wort Joy hörst, entstehen ziemlich schnell positive Bilder. Freude, Leichtigkeit, Lachen, Musik, ein schöner Abend mit Freunden, vielleicht das Meer oder ein wunderbarer Sonnenuntergang. Joy ist ein Wort, das irgendwie das Herz ein bisschen höher springen lässt.
Ich habe selbst fünf Jahre in den USA gelebt und dabei gelernt, dass sich manche englischen Begriffe nicht einfach eins zu eins ins Deutsche übertragen lassen. Das gilt für Joy ganz besonders. Meine erste Übersetzung war Lebensfreude. Das kommt dem Gedanken schon ziemlich nahe, trifft ihn für mich aber noch nicht vollständig.
Mit Glück würde ich Joy jedenfalls nicht übersetzen. Glück ist häufig ein momentaner Zustand. Wir erleben einen wunderschönen Abend, verlieben uns, lachen Tränen mit Freunden, stehen auf einem Berg und denken: Was für ein großartiger Moment. Aber so besteht kein ganzes Leben. Es gibt Tage, an denen wir glücklich sind, und andere, an denen wir traurig, besorgt, gelangweilt oder einfach nur schlecht gelaunt sind. Das gehört dazu.
Deshalb gefällt mir eine andere Frage besser: Kann ich mein Leben gerne leben, auch wenn ich nicht jeden Tag glücklich bin? Ich kann um einen Menschen trauern und mich trotzdem auf ein Abendessen mit Freunden freuen. Ich kann mich über meinen älter werdenden Körper ärgern und gleichzeitig neugierig auf eine Reise sein. Ich kann einen schlechten Tag haben und trotzdem grundsätzlich sagen: Ja, dieses Leben ist mein Leben – und ich lebe es gerne.
Auch Lebenszufriedenheit ist mir als Übersetzung etwas zu nüchtern. Vielleicht liegt das an meinem früheren Beruf als Wirtschaftsprüfer, aber Lebenszufriedenheit klingt für mich fast ein bisschen nach Bilanz: Wenn ich am Jahresende alles zusammenrechne – bin ich dann unter dem Strich mit meinem Leben zufrieden? Das ist wichtig. Aber Joy enthält für mich noch etwas anderes: Lebendigkeit, Vorfreude, Nähe, Neugier, Verbundenheit, Bedeutung und immer wieder auch echte Freude.
Vielleicht lässt sich Joy deshalb gar nicht perfekt mit einem einzigen deutschen Wort übersetzen. Burnight versteht darunter Wohlbefinden und Lebenszufriedenheit, verbindet diese aber mit der Frage, was uns dabei hilft, ein langes Leben nicht nur zu bewältigen, sondern darin auch zu gedeihen. Ihr Ansatz ist dabei bewusst breiter als die Vorstellung, möglichst viele glückliche Momente zu sammeln.
Für mich lässt es sich so zusammenfassen: Joy bedeutet nicht, dass immer alles gut ist. Es bedeutet, das eigene Leben trotz allem als lebenswert zu erleben und immer wieder Gründe zu haben, es gerne zu leben.
Dieses „trotz allem“ ist mir besonders wichtig. Denn gerade wenn wir über Lebensfreude und ein gutes Älterwerden sprechen, geraten wir schnell in eine Richtung, die mir überhaupt nicht gefällt: Denk positiv. Sei dankbar. Genieße deinen Ruhestand. Andere wären froh, wenn sie so viel freie Zeit hätten. Aus jedem Problem lässt sich doch auch etwas Gutes machen.
Dafür gibt es inzwischen einen passenden Begriff: toxische Positivität. Gemeint ist damit nicht eine grundsätzlich positive Haltung zum Leben. Es geht vielmehr um den Druck, auch schwierige Erfahrungen positiv umdeuten zu müssen und negative Gefühle möglichst schnell wegzuschieben.
Gerade beim Älterwerden wäre das absurd. Menschen, die uns wichtig sind, können krank werden oder sterben. Der eigene Körper wird irgendwann unzuverlässiger. Beziehungen verändern sich. Manche Möglichkeiten verschwinden. Vielleicht vermissen wir die frühere berufliche Rolle. Vielleicht erleben wir Einsamkeit. Vielleicht macht uns das Älterwerden manchmal schlicht Angst.
Joyspan bedeutet nicht, all das mit einem fröhlichen amerikanischen „Choose Joy!“ zu überkleben. Freude und Traurigkeit können gleichzeitig existieren. Ich kann jemanden schmerzlich vermissen und trotzdem einen wunderbaren Abend erleben. Ich kann mit einer gesundheitlichen Einschränkung hadern und trotzdem neugierig darauf sein, was das Leben noch für mich bereithält.
Vielleicht ist das sogar eine der reiferen Vorstellungen von Lebensfreude: Ein gutes Leben muss kein sorgenfreies Leben sein.
Und damit kommen wir zu der Frage, die mich an Burnights Konzept besonders interessiert hat. Wenn Joyspan mehr ist als gute Laune – können wir dann tatsächlich etwas dafür tun, dass wir unser Leben möglichst lange gerne leben? Oder ist das letztlich einfach eine Frage der Lebensumstände und damit weitgehend außerhalb unseres Einflusses?
Natürlich können wir nicht bestimmen, was uns passiert. Wir können Krankheit, Verluste, Trennungen oder Schicksalsschläge nicht einfach verhindern. Auch Gesundheit, finanzielle Möglichkeiten, Familie und soziale Ausgangsbedingungen beeinflussen erheblich, wie wir unser Leben erleben. Eine Botschaft nach dem Motto „Jeder ist seines Glückes Schmied“ wäre deshalb viel zu einfach.
Aber möglicherweise können wir etwas anderes beeinflussen: Wir können die Bedingungen mitgestalten, unter denen wir unser Leben leben. Wir können Joy nicht einfach herstellen. Aber wir können bestimmten Dingen in unserem Leben mehr oder weniger Raum geben.
Kerry Burnight hat für ihr Buch eine große Zahl von Forschungsarbeiten zum psychologischen Wohlbefinden und zu einem guten langen Leben ausgewertet. Dabei tauchen immer wieder bestimmte Faktoren auf: persönliche Entwicklung und intellektuelle Neugier, soziale Beziehungen und Zugehörigkeit, Resilienz und Anpassungsfähigkeit sowie Sinn, Großzügigkeit und das Gefühl, etwas beizutragen. Sie bündelt diese unterschiedlichen Forschungslinien in vier Handlungsfelder und nennt sie Grow, Connect, Adapt und Give.
Das ist eine wichtige Unterscheidung: Die Wissenschaft hat nicht eines Tages „die vier Joyspan-Faktoren“ entdeckt. Die einzelnen Bereiche stützen sich auf umfangreiche Forschung, die Bündelung in genau diese vier Kategorien ist Burnights eigenes Modell. Für Grow gibt es beispielsweise Forschung zu anspruchsvollem Lernen im Alter, für Connect sehr robuste Erkenntnisse über die Bedeutung sozialer Beziehungen, für Adapt Forschung zu Resilienz und Wohlbefinden und für Give Studien zu Sinn, Engagement und dem Gefühl, etwas beizutragen. Ein eigenständiger wissenschaftlich validierter Faktor „Joyspan“, der exakt aus diesen vier Elementen besteht, ist dagegen bislang nicht belegt.
Gerade diese Einfachheit finde ich aber interessant. Denn die vier Begriffe sind Tätigkeitswörter. Es geht nicht darum, einen bestimmten Zustand zu erreichen und dann einen Haken dahinterzumachen. Es geht um vier Bereiche, auf die wir immer mal wieder schauen können: Wachse ich noch? Bin ich verbunden? Kann ich mich anpassen? Trage ich etwas bei?
Grow bedeutet zunächst einmal wachsen und sich entwickeln. Das klingt vielleicht merkwürdig, wenn wir über Menschen mit 60, 70 oder 80 sprechen. Wachstum verbinden wir häufig mit Kindheit, Schule, Studium, Karriere und Familiengründung. Irgendwann glauben wir, damit sei dieser Teil des Lebens weitgehend erledigt.
Dabei haben wir eigentlich unser ganzes Leben lang Neues ausprobiert. Als Kinder und Jugendliche bestand das Leben fast nur aus ersten Malen. Später kamen der erste Beruf, vielleicht die erste Führungsaufgabe, Kinder, ein Hausbau, eine große Reise oder eine neue Technologie, mit der wir uns auseinandersetzen mussten. Im Berufsleben ging das weiter: neue Aufgaben, neue Kollegen, neue Probleme, neue Programme, neue Anforderungen. Entwicklung wurde uns häufig von außen verordnet.
Mit dem Ruhestand verändert sich das. Niemand gibt uns automatisch die nächste Aufgabe. Niemand schickt uns auf eine Fortbildung, weil wir sie für den Job brauchen. Niemand erwartet, dass wir uns in ein neues Thema einarbeiten. Entwicklung wird freiwillig.
Genau deshalb gefällt mir bei Grow vor allem der Gedanke der Neugier. Es geht nicht um höher, schneller, weiter und auch nicht darum, sich mit 70 noch einmal neu erfinden zu müssen. Vielleicht möchtest du dein Leben sogar bewusst ruhiger gestalten. Wunderbar. „Nichts muss, alles kann“ gilt auch hier.
Aber vielleicht lohnt sich trotzdem gelegentlich die Frage: Wann habe ich zuletzt etwas gemacht, bei dem ich vorher nicht wusste, wie es geht? Das kann ein neues Hobby sein, ein unbekannter Ort, ein Kurs, ein neues Rezept oder die Beschäftigung mit künstlicher Intelligenz. Entscheidend ist weniger, was wir tun, sondern dass wir uns dieses Gefühl erhalten: Da gibt es noch etwas, das ich nicht kenne. Das würde ich gerne ausprobieren.
Die Forschung gibt diesem Gedanken durchaus Rückhalt. Studien zu anspruchsvollem neuen Lernen im höheren Alter zeigen, dass solche Aktivitäten kognitive Funktionen unterstützen können. Das beweist nicht, dass ein Sprachkurs oder Fotografieren automatisch unsere Joyspan verlängert. Es zeigt aber, dass Entwicklung auch im höheren Alter keineswegs abgeschlossen sein muss.
Der zweite Bereich ist Connect – verbunden sein. Und dafür brauchen wir zunächst keine große Theorie: Wir Menschen brauchen andere Menschen. Aber Connect bedeutet mehr als möglichst viele soziale Kontakte zu haben.
Wir können viele Menschen kennen und uns trotzdem einsam fühlen. Wir können einen vollen Terminkalender haben und trotzdem jemanden vermissen, mit dem wir wirklich reden können. Entscheidend ist deshalb nicht die Zahl unserer Kontakte, sondern die Qualität unserer Beziehungen. Gibt es Menschen, bei denen wir uns zeigen können, wie wir sind? Menschen, mit denen wir lachen, aber auch reden können, wenn es uns nicht gut geht? Menschen, auf die wir uns freuen – und denen wir selbst wichtig sind?
Gerade beim Übergang in den Ruhestand verändert sich hier oft mehr, als wir zunächst denken. Im Berufsleben waren viele Begegnungen einfach da. Kollegen, Kunden, Mittagessen, Meetings, Reisen, der kurze Plausch auf dem Flur. Wir mussten dafür nichts organisieren. Dann endet die Arbeit und manche dieser Beziehungen bleiben, andere verschwinden erstaunlich schnell.
Burnights Betonung von Connect steht auf einem besonders soliden Forschungsfundament. Große prospektive Meta-Analysen zeigen einen robusten Zusammenhang zwischen sozialen Beziehungen und gesundheitlichen Ergebnissen einschließlich der Mortalität. Daraus sollte man keine simple Formel machen – ein zusätzlicher Kaffeetermin verlängert nicht automatisch das Leben. Aber die Forschung zeigt sehr deutlich, dass soziale Verbundenheit kein nettes Extra ist, sondern zu den wichtigen Faktoren unseres Wohlbefindens gehört.
Deshalb lautet die interessante Frage im Ruhestand vielleicht nicht: Wie viele Menschen kenne ich? Sondern: Mit wem fühle ich mich wirklich verbunden – und tue ich eigentlich genug für die Beziehungen, die mir wichtig sind? Manchmal kann aus einer ziemlich großen Theorie dann eine erstaunlich kleine Handlung entstehen. Vielleicht fällt dir beim Lesen gerade jemand ein, den du seit Wochen anrufen wolltest. Dann ruf ihn an.
Der dritte Bereich ist vielleicht der unbequemste: Adapt – sich anpassen und mit Veränderungen umgehen. Denn wenn eines beim Älterwerden ziemlich sicher ist, dann dies: Es bleibt nicht alles so, wie es ist.
Unser Körper verändert sich. Beziehungen verändern sich. Menschen verschwinden aus unserem Leben. Manche Möglichkeiten werden kleiner. Und der Ruhestand selbst verlangt bereits eine Menge Anpassung. Eine berufliche Rolle, die uns möglicherweise Jahrzehnte begleitet hat, endet. Der Tagesrhythmus verändert sich. Vielleicht verändert sich die Partnerschaft, unser Verhältnis zur Zeit und manchmal sogar das Bild, das wir von uns selbst haben.
Zu Adapt gehört deshalb für mich auch ein Begriff, über den heute viel gesprochen wird: Resilienz. Gemeint ist die Fähigkeit, mit Veränderungen und Rückschlägen umzugehen, sich davon nicht dauerhaft entmutigen zu lassen und irgendwann wieder nach vorne schauen zu können. Die Forschung stützt einen Zusammenhang zwischen Anpassungsfähigkeit, Resilienz und Wohlbefinden, auch wenn „Adapt“ als Burnights Kategorie breiter ist als einzelne wissenschaftlich untersuchte Interventionen.
Wichtig ist mir aber: Adapt bedeutet nicht Resignation. Es heißt nicht: Da kannst du nichts machen, finde dich eben damit ab. Und schon gar nicht bedeutet es, einen Verlust schönzureden.
Ich nehme ein persönliches Beispiel. Vielleicht kann ich irgendwann nicht mehr über die Alpen wandern. Das würde ich ziemlich bedauern. Adapt bedeutet dann nicht, mir einzureden, Wandern sei ohnehin überschätzt. Es bedeutet vielmehr, irgendwann die Frage zuzulassen: Wenn etwas, das mir wichtig war, nicht mehr möglich ist – was könnte an seine Stelle treten?
Vielleicht etwas anderes. Vielleicht etwas Kleineres. Vielleicht sogar etwas, auf das ich heute noch gar nicht komme. Dahinter steckt für mich eine der großen Fragen des Älterwerdens: Kann ich mein Bild von einem guten Leben verändern, wenn sich mein Leben verändert? Nicht schönreden, nicht entmutigen lassen, nicht krampfhaft am Alten festhalten – sondern mit dem Leben beweglich bleiben.
Und schließlich Give. Ich würde diesen Begriff nicht einfach mit „Geben“ übersetzen. Mir gefällt Beitragen besser. Denn dahinter steckt eine sehr menschliche Erfahrung: Wir möchten nicht nur etwas vom Leben bekommen. Wir möchten auch für jemanden oder für etwas von Bedeutung sein.
Im Berufsleben wurde uns dieses Gefühl häufig automatisch mitgeliefert. Kunden brauchten uns, Mitarbeiter fragten uns, Kollegen wollten unsere Meinung, Termine warteten und Entscheidungen mussten getroffen werden. Dann kommt der Ruhestand – und morgens wartet plötzlich niemand mehr auf unsere Entscheidung.
Das kann eine wunderbare Freiheit sein. Aber irgendwann vielleicht auch eine Leerstelle.
Give bedeutet nun überhaupt nicht, dass wir uns alle schnell ein Ehrenamt suchen müssen. Beitragen kann sehr unterschiedlich aussehen. Für die Enkel da sein. Einem jüngeren Menschen Erfahrungen weitergeben. Einem Freund zuhören. Dem Nachbarn helfen. In einem Verein mitmachen. Mentor sein. Wissen teilen. Sich um jemanden kümmern oder etwas schaffen, von dem andere etwas haben.
Das passt übrigens zu dem, was ich auch in meinen Workshops immer wieder erlebe. Wenn Menschen darüber nachdenken, im Ruhestand weiter tätig zu sein, geht es längst nicht immer um Geld. Häufiger höre ich den Wunsch, Wissen weiterzugeben, unter Menschen zu bleiben, eine Aufgabe zu haben oder noch einmal etwas Neues auszuprobieren. Auch mein letzter Blogartikel zum Weiterarbeiten im Ruhestand kam genau zu diesem Punkt: Bedeutung, Kontakt und das Gefühl, gebraucht zu werden, können eine Tätigkeit im Ruhestand bereichernd machen.
Auch für den Bereich Give gibt es wissenschaftliche Anknüpfungspunkte. Forschung zu Purpose, also dem Erleben von Sinn und Ausrichtung, sowie zu freiwilligem Engagement zeigt Zusammenhänge mit Wohlbefinden und gesundheitlichen Ergebnissen. Wie bei den anderen Bereichen gilt auch hier: Das ist kein Beweis dafür, dass ein Ehrenamt automatisch gesund oder glücklich macht. Aber es unterstreicht, dass das Gefühl, einen Beitrag zu leisten, für viele Menschen eine wichtige Quelle von Wohlbefinden sein kann.
Vielleicht ist die entscheidende Frage deshalb gar nicht: Was leiste ich noch? Das klingt mir zu sehr nach Berufsleben. Viel schöner finde ich: Wo erlebe ich heute, dass es gut ist, dass ich da bin?
Wenn wir diese vier Bereiche nebeneinanderlegen, wird vielleicht deutlicher, warum Burnight sie zusammenführt. Grow richtet unseren Blick auf das, was noch vor uns liegt. Connect verbindet uns mit anderen Menschen. Adapt hilft uns, mit dem umzugehen, was sich verändert oder verloren geht. Und Give lässt uns erleben, dass wir selbst etwas beitragen können.
Oder noch einfacher ausgedrückt: Ich entwickle mich, ich verbinde mich, ich passe mich an und ich trage etwas bei. Gerade für den Ruhestand finde ich diese vier Perspektiven interessant, weil sich in dieser Lebensphase an allen vier Stellen etwas verändert. Lernen und Entwicklung werden freiwilliger. Beziehungen müssen teilweise neu gestaltet werden. Veränderungen und Verluste verlangen Anpassung. Und die Frage, wo wir gebraucht werden und etwas beitragen können, bekommt eine neue Antwort.
Der Wert des Modells liegt für mich deshalb weniger darin, daraus vier neue Lebensregeln zu machen. Interessanter ist die Frage, die daraus entsteht: Wie sieht es damit eigentlich in meinem heutigen Leben aus?
Vielleicht bist du in einem Bereich ausgesprochen gut aufgestellt. Du hast Menschen um dich, mit denen du dich verbunden fühlst. Du bist neugierig und probierst ständig etwas Neues aus. Vielleicht gelingt es dir gut, Veränderungen anzunehmen. Oder du hast Aufgaben und Menschen, bei denen du spürst: Hier bin ich wichtig.
Und vielleicht hast du beim Lesen an einer anderen Stelle kurz gestutzt.
Genau an dieser Stelle lauert allerdings eine Falle. Wir könnten aus Joyspan sofort das nächste Optimierungsprogramm machen. 10.000 Schritte am Tag, genügend Eiweiß, zweimal Krafttraining pro Woche, sieben bis acht Stunden Schlaf, Freundschaften pflegen, Sinn finden, neugierig bleiben – und jetzt bitte auch noch die Joyspan maximieren.
Bitte nicht.
Ein guter Ruhestand ist keine weitere Leistungsphase, in der wir möglichst effizient glücklich werden müssen. Das widerspräche auch meinem Grundsatz für den Ruhestand: Nichts muss, alles kann.
Burnights vier Bereiche gefallen mir gerade deshalb, weil man sie nicht als Trainingsplan verstehen muss. Sie können vielmehr vier Stellen sein, an denen wir gelegentlich einmal nachsehen: Wie geht es mir eigentlich dort? Vielleicht ist gerade Connect wichtig, weil ein Freund gestorben ist oder das berufliche Netzwerk weggebrochen ist. In einer anderen Lebensphase verlangt Adapt besonders viel Aufmerksamkeit, weil Gesundheit oder Lebensumstände sich verändern. Und vielleicht rückt irgendwann Give stärker in den Vordergrund, weil die Frage entsteht, wofür man seine Erfahrung, Zeit und Fähigkeiten einsetzen möchte.
Die Idee von Joyspan bringt diesen Gedanken für mich sehr schön auf den Punkt: Die vier Bereiche sind keine starre Checkliste. Je nach Lebensphase kann ein anderer Bereich wichtiger werden. Gerade das macht das Modell für den Ruhestand interessanter als die nächste Liste mit „zehn Dingen, die glückliche Rentner tun“.
Und damit wird aus dem zunächst etwas abstrakten amerikanischen Begriff etwas sehr Persönliches. Nicht: Was ist die richtige Joyspan? Nicht: Wie schneide ich im Vergleich mit anderen ab? Sondern schlicht: Was trägt in meinem heutigen Leben dazu bei, dass ich es gerne lebe?
Genau dafür habe ich aus den Gedanken von Kerry Burnight einen kleinen Joyspan-Check für den Ruhestand entwickelt. Er betrachtet die vier Bereiche Grow, Connect, Adapt und Give mit mehreren Aussagen und Reflexionsfragen. Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, am Ende einen möglichst hohen Gesamtwert zu erreichen. Der Check misst weder dein Glück noch errechnet er eine „Joyspan in Prozent“.
Viel interessanter ist das Muster. Wo fällt dir das Antworten leicht? Wo denkst du: Davon habe ich reichlich in meinem Leben? Und bei welcher Frage hältst du vielleicht einen Moment inne, weil dir spontan wenig einfällt oder weil du merkst: Davon hätte ich gerne wieder etwas mehr? Genau so ist der Check auch konzipiert: Ein niedrigerer Wert ist kein Defizit, ein hoher Wert kein Gütesiegel. Entscheidend ist eher, was beim Ausfüllen innerlich hängen bleibt.
Vielleicht stellst du dabei sogar fest, dass ziemlich viel da ist. Menschen, die dir guttun. Dinge, auf die du dich freust. Etwas, das dich interessiert. Aufgaben, bei denen du gebraucht wirst. Die Fähigkeit, mit Veränderungen umzugehen. Momente, in denen du dein Leben einfach genießt.
Das finde ich fast genauso interessant wie eine vermeintliche Lücke. Denn mehr Joyspan muss nicht immer bedeuten, noch mehr ins Leben hineinzupacken. Vielleicht geht es manchmal nur darum, das, was längst da ist, wieder bewusster wahrzunehmen. Genau diese Frage ist deshalb auch Teil meines Checks: Was gibt deinem Leben heute schon Freude – und bekommt davon vielleicht zu wenig Aufmerksamkeit?
Und wenn dir an einer Stelle tatsächlich etwas fehlt, muss daraus noch lange kein neues Großprojekt werden. Vielleicht reicht zunächst die Frage: Was würde ich mir davon ein bisschen mehr wünschen? Und vielleicht entsteht daraus irgendwann ein kleiner Schritt. Jemanden anrufen. Etwas ausprobieren. Eine Vorstellung loslassen, die nicht mehr zum heutigen Leben passt. Oder die eigene Erfahrung dort einbringen, wo sie jemand gebrauchen kann.
Lange leben. Gesund bleiben. Und das Leben gerne leben.
Als ich zum ersten Mal über das Wort Joyspan gestolpert bin, hat mich zunächst einfach der Begriff neugierig gemacht. Nach meiner Beschäftigung damit gefällt mir vor allem die Frage, die dahintersteckt.
Wir wissen inzwischen ziemlich viel darüber, was wir tun können, um unsere Chancen auf ein langes Leben zu erhöhen. Wir lernen immer mehr darüber, was dazu beitragen kann, möglichst viele dieser Jahre gesund und selbstständig zu verbringen. Das ist großartig. Aber vielleicht lohnt es sich, daneben gelegentlich noch eine dritte Perspektive einzunehmen: Wie gestalte ich mein Leben so, dass ich es auch gerne lebe?
Dabei gefällt mir besonders, dass die Antwort nicht lautet: Sei glücklich. Denk positiv. Mach mehr aus deinem Leben. Gerade im Ruhestand müssen wir niemandem mehr beweisen, wie produktiv, erfolgreich oder gut gelaunt wir sind. Und wir müssen auch unsere Lebensfreude nicht maximieren.
Vielleicht reicht es, gelegentlich hinzuschauen. Was lässt mich noch neugierig werden? Mit wem fühle ich mich verbunden? Wie gehe ich damit um, wenn mein Leben sich verändert? Und wo erlebe ich, dass es gut ist, dass ich da bin?
Joyspan ist dafür vielleicht kein perfektes deutsches Wort. Vielleicht gibt es dafür überhaupt kein perfektes deutsches Wort. Aber die Idee dahinter gefällt mir: Es geht nicht darum, möglichst lange glücklich zu sein. Es geht darum, möglichst lange immer wieder Gründe zu haben, das eigene Leben gerne zu leben.
Und wenn uns das im Ruhestand gelingt, sind die zusätzlichen Jahre vielleicht nicht nur mehr Jahre.
Sondern wirklich gute Jahre.