
Eigentlich ist alles gut. Mehr Zeit. Weniger Termine. Mehr Freiheit. Ein neuer Lebensabschnitt, auf den viele Jahre hingearbeitet wurde.
Und trotzdem berichten viele Menschen im Ruhestand von einem Phänomen, das sie überrascht: Der Kopf wird lauter. Gedanken kreisen. Sorgen melden sich – manchmal hartnäckiger als erwartet. Gedanken über die eigene Gesundheit. Über das Älterwerden. Über finanzielle Sicherheit. Über gesellschaftliche Entwicklungen. Über die Frage, was kommt – und wie lange.
Das wirkt irritierend. Schließlich gibt es objektiv betrachtet oft keinen akuten Anlass.
Und doch sind sie da.
Diese Gedanken sind kein Zeichen von Schwäche. Sie sind kein persönliches Defizit und schon gar kein Beweis dafür, dass der Ruhestand „nicht gelingt“. Im Gegenteil: Sie sind menschlich. Sie sind erklärbar. Und sie lassen sich einordnen.
Ich möchte Sie jetzt dazu einladen, Sorgen im Ruhestand besser zu verstehen – nicht um sie wegzudrücken, sondern um ihnen die übergroße Bedeutung zu nehmen. Es geht um Klarheit statt Grübeln. Um Orientierung statt Daueralarm. Und um Leichtigkeit, die nicht naiv ist, sondern aus innerer Ordnung entsteht.
Ich erlebe es in Workshops immer wieder. Ich frage ganz harmlos: „Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie an das Wort Ruhestand denken?“
Dann kommen wunderschöne Begriffe, wie Träume, Freiheit, Freizeit, Zweisamkeit, Ausschlafen, langes Frühstück, Reisen, Hobbys, Selbstbestimmung und so weiter. Aber – bevor ich das Wort „Sorgen“ überhaupt erwähne, tauchen auch sie auf. Gesundheit. Finanzen. Weltgeschehen. Einsamkeit. Partnerschaft. Älterwerden. Endlichkeit.
Und genau deshalb lohnt es sich zu fragen: Warum beschäftigen wir uns so sehr mit Sorgen und Ängsten? Wo kommt das her? Und ganz wichtig: Was können wir dagegen tun?
Und daher lassen Sie uns zu Beginn mal auf einen Punkt schauen, der im Ruhestand eine ganz besondere Rolle spielt: Die Zeit. Oder – wie es viele auch sagen: Die Freizeit.
Zeit haben wir jetzt viel mehr als vorher. Zeit zuhause, nicht mehr im Betrieb oder im Homeoffice. Vielleicht ist der Partner/unsere Partnerin auch noch berufstätig und man ist alleine zuhause.
Plötzlich gibt es vormittags keinen Grund mehr, nicht den Fernseher einzuschalten.
Oder das Handy. Oder beides. Und was sehen wir dann? Krisen. Konflikte. Katastrophen. Empörung.
Nicht, weil die Welt nur schlecht ist. Sondern weil schlechte Nachrichten besser verkaufen als gute. Angst bindet Aufmerksamkeit. Positive Nachrichten sind nett – aber sie sind kein Geschäftsmodell. Und wenn man viel Zeit hat, wenig Struktur und ein offenes Fenster zur Welt, dann läuft dieses Programm irgendwann in Dauerschleife. Kein Wunder, dass der Kopf schwer wird.
Zu den schlechten Nachrichten kommt aber noch etwas dazu. Und das ist die Empörungskultur.
Empörung ist überall. Und sie fühlt sich oft erst einmal gut an. Endlich mal sagen, was man denkt. Seine Wut und Dampf ablassen. Endlich auch mal Recht haben.
Insbesondere in den sozialen Medien kann jeder alles sagen. Und je schärfer, desto besser. Desto sichtbarer. Und ja: Es gibt sicherlich viele Gründe, empört zu sein. Und seien es die Hinterlassenschaften von Hunden, die der Halter nicht beseitigt hat. Ich kenne das, und es regt mich tierisch auf. Oder Schmutz auf der Straße, Schmierereien an den Wänden, lange Wartezeiten beim Arzt oder die never-ending story von der Bahn. Ich denke, du weißt, wovon ich spreche. Und du hast bestimmt noch viel mehr Beispiele parat.
Das Problem ist nur: Empörung – mag sie auch noch so berechtigt sein – macht wach. Aber sie löst kein einziges Problem. Und ganz wichtig: Sie macht nicht zufrieden.
Sie gibt uns kurzfristig das Gefühl von Bedeutung und sie raubt uns langfristig Energie. Und gerade im Ruhestand, wenn sich die eigene Rolle verändert, kann das ein sehr gefährlicher Sog sein.
All das wirkt von außen auf uns ein. Aber die eigentliche Frage ist: Warum machen wir uns so viele Sorgen? Was spielt sich da in unserem Kopf eigentlich ab? Und: Warum haben wir das früher nicht so wahrgenommen wie jetzt? Machen wir uns also einmal auf, das Grundproblem besser zu verstehen:
Heute wissen wir aus der Hirnforschung sehr genau: Das menschliche Gehirn ist kein Glücksorgan. Es ist ein Überlebensorgan. Seine wichtigste Aufgabe lautet nicht, uns zufrieden oder gelassen zu machen, sondern Gefahren frühzeitig zu erkennen und Schaden von uns abzuwenden.
Über hunderttausende von Jahren war genau das überlebenswichtig. Wer rechtzeitig bemerkte, was schiefgehen könnte, lebte länger. Wer zu sorglos war, verschwand aus dem Genpool. Sorgen zu haben war also nichts Schlechtes. Und das ist es auch heute nicht. Sorgen haben eine wichtige Funktion. Sie sollen uns schützen.
Das Problem ist: Dieses Grundprogramm wurde nie wirklich aktualisiert. Unser Gehirn unterscheidet nur unzureichend zwischen realer Bedrohung und gedanklicher Möglichkeit. Für die inneren Alarmsysteme fühlt sich ein bedrohlicher Säbelzahntiger nicht grundsätzlich anders an als eine Schlagzeile, eine Push-Nachricht oder der Gedanke „Was, wenn ich krank werde?“ oder „Was, wenn ….“. Und da kommt dann alles Mögliche zum Vorschein:
Aber warum ist das so? Nun, in unserem Kopf gibt es so etwas wie einen kleinen Wachhund. Der ist schnell, laut und immer ein bisschen nervös. Sobald außen weniger los ist, meldet er sich umso häufiger. Im Berufsleben war dieser Wachhund gut beschäftigt: Termine, Aufgaben, Verantwortung, Struktur – da war klar, wofür man morgens aufsteht. Mit dem Ruhestand fällt vieles davon weg. Und jetzt passiert etwas Überraschendes: Weniger Termine bedeuten nicht automatisch mehr Ruhe. Im Gegenteil. Der Kopf sucht weiter nach Aufgaben – und wenn er keine findet, sucht er sich Sorgen.
Und dann wird aus freier Zeit schnell Grübelzeit. Nicht, weil etwas wirklich schiefläuft, sondern weil das Gehirn Ordnung und Sinn braucht. Fehlt diese innere Struktur, übernimmt der Wachhund das Kommando – und bellt lieber bei jeder Kleinigkeit, als still in seinem Körbchen zu liegen.
Also: Wichtig zu verstehen: Sorgen sind per se nicht schlecht, sie erfüllen eine wichtige Funktion. Ein sorgendes Gehirn signalisiert sich selbst: Ich bin vorbereitet. Ich habe mögliche Risiken durchgespielt. Ich bin wachsam. In gewisser Weise sind Sorgen eine Art Beschäftigungstherapie für ein System, das Leerlauf schlecht erträgt. Das Gehirn erfüllt seinen angestammten Auftrag also weiter. Es funktioniert genauso, wie es gebaut wurde – nur befinden wir uns jetzt in einer anderen Lebensphase, die andere Antworten erfordert als früher.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: Wie werde ich meine Sorgen los? Sondern: Wie lernt mein Gehirn, wieder zwischen echter Gefahr und gedanklichem Müll zu unterscheiden? Was kann ich tun, damit Sorgen nicht die Hauptrolle übernehmen?
Wenn man all das zusammennimmt – mehr Zeit im Ruhestand, eine permanente Konfrontation mit negativen Nachrichten in den Medien, eine zunehmende Empörungskultur in den sozialen Medien, dazu mehr Gedanken an Endlichkeit, Gesundheit, Älterwerden und globale Krisen –, dann entsteht kein einzelnes Problem. Es entsteht ein Dauerzustand, in dem Sorgen leider leichter wachsen als Zuversicht.
Lassen Sie uns also mal mit Lösungen beginnen. Und da starten wir mit dem sehr befreienden Reality-Check. Haben Sie sich schon einmal gefragt, wie viele unserer Sorgen wirklich im Leben eingetreten sind?
Und bei dieser Frage gibt es gute Nachrichten: Ein besonders wichtiger Aspekt beim Thema Sorgen ist ihre erstaunlich schlechte Trefferquote. Bereits in den 1980er-Jahren ließ der Psychologe Thomas Borkovec Probanden ihre Sorgen über mehrere Wochen dokumentieren und später überprüfen, was tatsächlich eingetreten war. Das Ergebnis ist bis heute bemerkenswert stabil: Rund 85 Prozent der Sorgen traten überhaupt nicht ein. Von den verbleibenden Sorgen erwies sich der überwiegende Teil als deutlich weniger dramatisch und gut bewältigbar.
Mit anderen Worten: Ein großer Teil unserer Sorgen betrifft Dinge, die niemals passieren. Ein weiterer Teil bezieht sich auf Vergangenes – auf Situationen oder Entscheidungen, die längst nicht mehr veränderbar sind. Und nur ein vergleichsweise kleiner Anteil – die Wissenschaft spricht dabei von 8% - betrifft reale, aktuelle Probleme, die tatsächlich eine Handlung erfordern würden.
Und denken Sie bitte einmal zurück: Wie viele Ihrer großen Sorgen haben sich im Laufe Ihres Lebens tatsächlich erfüllt? Und wie oft war das, was dann wirklich geschah, zwar unangenehm, aber längst nicht so folgenschwer wie befürchtet? Klar, wir sind früher sitzen geblieben, wir haben Züge oder Flüge verpasst oder sie sind ausgefallen. Wir waren krank oder verletzt. Wir haben uns gestritten und getrennt. Wir haben unseren Beruf gekündigt und sind gewechselt. Diese Rückschau soll keine Bagatellisierung realer Probleme sein. Es gibt in sehr vielen Leben sehr einschneidende Ereignisse. Unfälle, schwere, teils tödliche Krankheiten und vieles mehr.
Wir müssen also gar nicht versuchen, sorgenfrei zu werden. Sondern erkennen, dass der innere Blockbuster nur selten dem echten Leben entspricht. Dass Sorgen in ganz seltenen Fällen wirklich zur Realität werden. Diese Klarheit ist der Anfang von mehr innerer Ruhe.
Wenn wir also nun verstanden haben, dass nur 8% der Sorgen tatsächlich gerechtfertigt sind, dann stellt sich jetzt die nächste Frage: Was hilft wirklich gegen diese verbleibenden Sorgen? Wie gehe ich am besten mit ihnen um?
Und dabei lohnt sich ein kurzer Blick auf ein Wort, das wir alle kennen, aber selten hinterfragen: Vorsorge. Wer kennt nicht die Volksfürsorge? Schon im Wort selbst steckt eine der wichtigsten Lösungen. Vorsorge heißt wörtlich: Sorge im Voraus. Oder anders gefragt: Was kommt eigentlich vor der Sorge?
Im Alltag nutzen wir Vorsorge ganz selbstverständlich. Wir gehen zur Vorsorgeuntersuchung, nicht weil wir krank sind, sondern um es möglichst nicht zu werden. Wir schließen Versicherungen ab, nicht weil schon etwas passiert ist, sondern um für den Fall der Fälle vorbereitet zu sein. Vorsorge hat eine klare Funktion: Sie beruhigt. Sie signalisiert dem Kopf: Es wurde hingeschaut. Ich bin nicht unvorbereitet.
In meinen Gesprächen und in meinen Workshops tauchen immer wieder drei große Sorgen auf. Erstens: Finanzen – die Frage, ob das Geld reicht, wenn das regelmäßige Gehalt wegfällt. Zweitens: Gesundheit – die Angst vor Krankheit, Pflegebedürftigkeit oder körperlichem Abbau. Und drittens: das Weltgeschehen – Krisen, Kriege, Inflation, politische Unsicherheit. Dinge, die man kaum beeinflussen kann, die aber ständig präsent sind.
Das Entscheidende dabei: In den meisten Fällen sind das keine akuten Probleme, sondern diffuse Möglichkeiten in weiter Ferne. Und genau hier wirkt Vorsorge – nicht als Kontrolle, sondern als innere Ordnung.
Wer sich bei den Finanzen einmal Klarheit verschafft, weiß, was an Rente kommt, welche Ausgaben realistisch sind und wo man gegebenenfalls nachjustieren kann. Das ändert vielleicht nicht die Zahl – aber es ändert das Gefühl von Ohnmacht.
Ähnlich ist es bei der Gesundheit. Wer seinen Körper kennt, ihn bewegt, auf Schlaf und mentale Gesundheit achtet und regelmäßig hinschaut, nimmt vielen Sorgen den Nährboden. Vorsorge heißt hier nicht Perfektion, sondern Aufmerksamkeit.
Und auch beim Weltgeschehen hilft Vorsorge – auf einer gedanklichen Ebene. Die ehrliche Frage lautet: Kann ich das alleine ändern? Die Antwort ist meist: Nein. Heißt das, man sollte sich nicht interessieren? Ganz im Gegenteil. Aber Vorsorge bedeutet hier, den eigenen Wirkungskreis ernst zu nehmen. Das kann ganz konkret sein: sich engagieren, Flüchtlingen helfen, Müll trennen, öfter die Bahn nehmen, sich ehrenamtlich einbringen oder im Kleinen Haltung zeigen. Nicht die Welt retten – aber wirksam sein dort, wo es möglich ist.
Oder anders gesagt: Wo Vorsorge beginnt, wird es im Kopf spürbar ruhiger. Nicht, weil alles gelöst ist. Sondern weil das Gehirn merkt: Ich bin meinen Sorgen nicht hilflos ausgeliefert.
Und genau deshalb ist Vorsorge im Ruhestand keine lästige Pflicht, sondern ein wirksames Beruhigungsmittel – ganz ohne Beipackzettel. Aber selbst wenn alles – oder zumindest vieles – geregelt ist, bleibt ja manchmal das Leben sperrig. Und genau hier kommt etwas ins Spiel, das viel zu selten ernst genommen wird. Heiterkeit und Humor.
Heiterkeit. Humor, Frohsinn. Das ist alles andere als das Weglachen von Problemen. Das ist eine Haltung. Wichtig dabei: Das alles ist Geschmackssache. Jeder tickt anders. Und das ist auch gut so.
Für viele beginnt diese Heiterkeit mit einem Rückblick auf frühere Jahre. 70ger, 80ger Jahre. Ein Fernseher im Wohnzimmer. Wenige Programme – und vielleicht gerade deshalb weniger Stress. Samstagabend war gesetzt. Dalli Dalli, Wetten, dass..?, Moderatoren mit Charme und Haltung wie Hans-Joachim Kulenkampff, Rudi Carrell oder Robert Lembke. Und natürlich Loriot – „Papa ante portas“, die Badewanne, Szenen, über die man heute noch lacht, weil man sich darin wiedererkennt.
Heute gibt es Humor weiterhin – nur auf viel mehr Bühnen. Stand-up-Comedy in kleinen Clubs. Große Hallen. Die bekannten Namen wie Mario Barth oder Atze Schröder – für manche genau richtig, für andere gar nicht. Und die Altmeister wie Jürgen von der Lippe oder Mike Krüger, die zeigen, dass Humor kein Alter kennt. Man muss keinen davon mögen. Entscheidend ist nur: Es gibt Auswahl. Und man darf sie nutzen.
Denn Heiterkeit, Humor und Lachen ist viel mehr als Unterhaltung. Es ist gesund. Es produziert Glückshormone. Es senkt Stress, entspannt den Körper und vertreibt Sorgen – zumindest für einen Moment.
Und Heiterkeit kann auch eine Lebenseinstellung sein. Sie beginnt oft klein. Ein Lächeln über die eigene Ungeschicklichkeit. Der Gedanke: Das wäre früher ein Ärgernis gewesen – heute ist es Stoff für eine Sitcom.
Vielleicht ist das eine der stillen Freiheiten des Ruhestands: Man darf selbst entscheiden, womit man den Kopf füttert. Und manchmal ist ein gutes Lachen die beste Vorsorge gegen Sorgen – zumindest für diesen einen, leichten Moment.
Also, Heiterkeit und Humor, meinetwegen auch der Frohsinn des Karnevals, können viel. Sie lösen Spannungen, schaffen Abstand und vertreiben Sorgen des Alltags im Ruhestand– zumindest für den Moment. Aber sobald der Alltag wieder anklopft, stellt sich eine andere, tiefere Frage: Was hält mich innerlich aufrecht, wenn es nicht nur um den Moment geht? Wie gehe ich mit meinen Sorgen um?
Und genau an dieser Stelle kommt ein weiterer wichtiger Spieler ins Spiel: Optimismus. Optimismus kann Sorgen nicht reduzieren oder verschwinden lassen. Aber er verändert den Umgang mit ihnen.
Optimismus kann Sorgen nicht einfach abschalten. Aber er verändert die Lautstärke. Er sorgt dafür, dass das Kopfkino im Ruhestand nicht dauerhaft auf Dauerschleife läuft. Lange dachten wir: Positiv denken fühlt sich gut an – mehr aber auch nicht.
Heute wissen wir: Zuversicht wirkt tiefer. Wenn wir uns bewusst vorstellen, dass wir mit dem, was kommt, umgehen können, passiert etwas im Körper. Stress nimmt ab, der Alarmmodus fährt herunter, das System schaltet vom Grübeln ins Bewältigen.
Der Psychologe Martin Seligman, einer der Vordenker der Positiven Psychologie, beschreibt Optimismus deshalb nicht als angeborenen Charakterzug, sondern als etwas, das man lernen kann. Optimistische Menschen gehen nicht davon aus, dass immer alles gut läuft. Aber sie erleben Rückschläge eher als vorübergehend und beeinflussbar. Und genau das macht sie widerstandsfähiger – innerlich ruhiger.
Optimismus stärkt vor allem das Gefühl von Selbstwirksamkeit. Also die innere Gewissheit: Ich kann nicht alles kontrollieren, aber ich kann reagieren. Und genau dieses Gefühl macht den Unterschied. Denn Sorgen werden besonders dann laut, wenn wir glauben, ihnen ausgeliefert zu sein. Natürlich geht das nicht auf Knopfdruck. Optimismus ist kein Trick und kein Mantra für zwischendurch. Er lässt sich einüben, trainieren, langsam verändern – deshalb gibt es ganze Bücher darüber.
Mit einer optimistischen Haltung verschwinden die Gedanken nicht. Aber sie drehen sich nicht mehr endlos im Kreis. Irgendwann hält das Grübeln inne – und eine andere Frage taucht auf. Keine große, keine endgültige. Sondern eine machbare: Was hilft mir jetzt? Wen könnte ich anrufen? Was klärt sich, wenn ich eine Nacht darüber schlafe? Das Problem ist nicht weg. Aber es wirkt weniger übermächtig.
Und gerade wir, die über 60-Jährigen, haben dafür beste Voraussetzungen. Wir haben Erfahrung. Wir haben Vergleichswerte. Wir haben Beweise aus dem eigenen Leben. Beweise dafür, dass nicht alles leicht war – aber vieles gelungen ist. Oder um es mal populär auszudrücken: „Don’t worry. Be happy.“ Nicht nur als ein Spruch oder eine Parole. Sondern als eine Haltung.
Und jetzt zum Schluss kommen die Kirschen auf der Torte. Fünf ganz konkrete Ideen, mit denen Vorsorge nicht trocken oder anstrengend wird, sondern Gelassenheit, Humor und Optimismus im Alltag unterstützt. Keine Lebensumstellung. Nur Ideen.
Vielleicht, bzw. sicherlich, kennen Sie davon einige Vorschläge. Vielleicht aber auch nicht.
1. Weniger News – mehr Leben
Gönnen Sie sich feste Zeiten für Nachrichten – und dazwischen bewusst Ruhe. Vielleicht einmal am Tag. Oder auch mal gar nicht.
Was dann passiert? Lebenszeit pur. Für Gespräche, Spaziergänge – oder das neue Café, von dem alle schwärmen.
Spoiler: Der Cappuccino schmeckt besser als jede Eilmeldung.
2. Füttern Sie, was Ihnen guttut.
Erlaubt ist, was das Herz erwärmt: Bücher, Podcasts, Musik, Konzerte, Kino, Serien, gute Gespräche, Natur, Bewegung. Tausche Dauerkrisen gegen Inhalte, die Energie geben.
Es geht nicht ums Verdrängen, sondern ums Auftanken.
Bei mir ganz konkret: viel Spazierengehen mit dem Hund, Podcasts, gute Musik, ab und zu Joggen, Sport im Fernsehen, Columbo, Comedy – und natürlich ein gutes Kölsch in der Ständigen Vertretung. Am besten mit Menschen, die lachen können. Wirkt erstaunlich zuverlässig.
3. Bitte nicht alles so ernst nehmen
Wie oft machen wir aus Kleinigkeiten große Dramen? Der Kuchen muss perfekt sein, der Tag reibungslos, jeder Fehler ein Problem.
Aber Hand aufs Herz: Was davon ist in einer Woche, einem Monat oder in zehn Jahren noch relevant?
Eine einfache Frage hilft:
Ist das wirklich so dramatisch – oder kann ich drüber schmunzeln? Betrachten Sie den Alltag ein bisschen wie eine Sitcom. Ist ja oft auch eine… Das verwandelt Ärger oft in Gelassenheit.
4. Wer schreibt, der bleibt
Ein einfacher, aber wirkungsvoller Punkt: Schreiben Sie sich abends drei Dinge auf.
Drei Dinge, die gut gelaufen sind. Oder lustige und skurrile Momente.
Das schärft den Blick für das Positive – und für das Komische.
Viele merken schon nach kurzer Zeit: Der Kopf wird ruhiger, der Alltag leichter.
5. Die Kölner Grundgesetze – Gelassenheit auf Kölsch
Mein ganz persönlicher Favorit. Nicht, weil man sie auswendig lernen müsste, sondern weil sie helfen, sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen:
„Et es wie et es.“
„Et kütt wie et kütt.“
„Et hätt noch emmer joot jejange.“
Das ist keine Gleichgültigkeit, sondern Gelassenheit.
Besonders hilfreich:
„Wat fott es, es fott.“ – Vergangenes loslassen.
Und: „Man muss och jönne könne.“ – Vergleiche machen unruhig, Gönnen macht frei.
Vielleicht ist das eine der großen Freiheiten im Ruhestand: das Leben etwas leichter zu nehmen. Nicht naiv. Nicht egal. Aber eben gelassener.
Denn: Sorgen werden leiser, wenn wir ihnen nicht jedes Mal die Hauptrolle geben.
Und wenn wir das alles mal zusammenfassen, dann geht es im Kern um mehr als Finanzen, Gesundheit oder Weltgeschehen. Es geht um innere Haltung. Um Gelassenheit statt Daueralarm. Um Humor, auch wenn das Leben nicht perfekt läuft. Um Heiterkeit im Alltag – und um einen grundsätzlichen Optimismus, der uns sagt: Es wird schon alles gut gehen.
Vorsorge hilft genau dabei. Sie ordnet die großen Themen, nimmt dem Kopf das Grübeln ab und schafft Raum für das, was im Ruhestand oft zu kurz kommt: Gelassenheit. Nicht alles wird einfacher. Aber vieles wird entspannter, wenn man es nicht dem Zufall überlässt. Und wenn wir daran denken, wie weniger unserer Sorgen tatsächlich begründet sind.
Leichtigkeit entsteht also nicht durch Verdrängen – sondern durch Verstehen, Einordnen und Gestalten.
Und genau hier beginnt der „Ziemlich beste Ruhestand“.